Birth Control - Dieser Name hält, was er verspricht! Der Sound der vier Musiker lässt alles andere vergessen.
Draussen, vor dem Crowded House, konnte ich schon mal ein paar gespielte und auch gesungene Noten einfangen, die urplötzlich die Abendruhe zerschnitten. Ich registrierte eine Stimme, die ich nicht definieren konnte. Sie war zitternd und laut. Jemand prügelte Trommeln und irgendwer quälte Gitarren. Das blecherne Düdellütt einer Orgel ist mir auch nicht entgangen. Und immer wieder hörte ich ein Fluchen, weil etwas nicht so ganz funktionierte, wie es eigentlich hätte sollen. Das konnte ja heiter werden! Ich hatte die Dachrinne oben fest im Blick, aus Angst, sie könne mir bei diesen Tönen auf den Dez schmettern. Gehörtes war der Soundcheck. Soweit kenne ich mich mittlerweile aus.
Im Flur hatte sich eine Menschenschlange angesammelt. Alle warteten auf den Einlass in den Saal. Einige schauten an die Decke, traten von einem Bein auf das andere. Wieder andere rauchten genüsslich ein Pfeifchen - also ein normales Pfeifchen mit nix drin, also ausser Tabak jetzt - oder dicke Zigarren. Nu standen wir auch noch im Nebel. Zwei Damen, die das alles nicht störte, unterhielten sich lebhaft über Ehe-Scheidungen, Busverbindungen, Berlin und dem CentrO. Wir waren schliesslich in Oberhausen.
Eine urplötzliche Unruhe zog durch den Menschenpulk. Nach dem Motto “Jetzt müsste es aber langsam mal losgehen!” fing das Gequengel schon an. Jeder wollte auf einmal als Erster in den Saal. Wenn sich doch endlich die Tür öffnen würde.
Sie öffnete sich. Ab anne Schippe und rein! Wie, ist egal! Okay, ich lass mich auch nicht unterbuttern… Es war eine schwere Geburt, aber letztendlich waren wir drin.
Dort auf der Bühne stand, neben zwei Gitarren und einem Keybord, ein Drumset. In meinen Augen eher dürftig. Da haut der “weltbekannte Ausnahme-Musiker Nossi” gleich drauf, begleitet von etwas Gitarrengezupfe und gut is, oder wie? Dafür so ein Zirkus?
Sie redeten, die Leute um mich herum. Vor Erfurcht sind sie fast zerflossen: “Das ist nicht zu glauben! Birth Control HIER! Vor der Haustür! Nee, ich fass es nicht!”
Gemach schaute ich mich im Saal um. Ich hatte alle Zeit dieser Welt, denn die “Granaten”, die alles ausser Frage stellten, waren noch immer nicht im Anmarsch. Sie waren schon weit über Limit. “Die trauen sich was…”, geiferte ich mir zu. Kann ja heiter werden… Um mich herum frassen sie ihre Zigaretten. Die Augen starr nach vorn auf die Bühne gerichtet. Allzeit bereit, ergebenst den Bückling zu machen.
Dann kamen sie.
Oh ja und wie sie kamen! Vier Jungs, Künstler, vor denen sich die Nation demütig in den Staub warf! Ein Getose brach vom Zaun, ein schrilles Pfeifkonzert forderte das Trommelfell zum Zweikampf.
Als sich die Lage endlich zu beruhigen schien, standen die Musiker mit ihren Instrumenten bereit zum Abflug. Mit Ziel: Vorhof Hölle.
Ab da kann ich eigentlich gar nichts mehr sagen. Ich war so sehr beeindruckt vom Können dieser Musiker, dass ich dachte, mir schwinden die Sinne. Nie und nimmer hatte ich bis dahin erlebt, dass jemand ein Schlagzeug dermassen beherrscht.
Ich hatte den Überblick verloren - Nossi hämmerte nicht mehr mit den Sticks, sondern mit Maracas-Shakers (Rumbakugeln) auf Drums und Crashbecken. Die Jungs an Bass und Leadgitarre erzeugten einen Ton, dass wir, die “Fan-Gemeinde” dachten, es lande ein UFO auf dem Dach des Hauses. Ein Vibrieren kroch durch den Saal. Man sah und fühlte förmlich, dass es auf dem Fussboden verweilte, sich an den Wänden hoch zog und sich dann über unsere Köpfe hinweg ins Freie verflüchtigte.
Während des Auftritts gab’s keine Pausen. Jedenfalls nicht für den Schlagzeuger. Die drei anderen Männer atmeten mal kurz durch, als Nossi seinen Solo-Auftritt startete. Er bearbeitete seine Schiessbude im Stakkato- und Stampede-Takt. Stellt Euch das Trampel-Geräusch bei einer Herdenpanik vor, dann wisst Ihr so in etwa, wovon ich rede.
Vom Takt her auch zu vergleichen mit Easy Living - Uriah Heep, Race with the Devil - Gun, Paranoid - Black Sabbath, Speed King - Deep Purple.
Ich gestehe hochachtungsvoll und mit gezogener Mütze: DAS war der Burner!
Und ich gestehe auch, dass ich diesen Abend nicht vergessen werde. Er wird mir in positiver Erinnerung bleiben.
Bernd “Nossi” Noske (Drums, Vocals) wurde in den 70er Jahren mehrfach zum besten deutschen Drummer gekürt. Seine Stimme gleicht der von Roger Chapman (Pink Floyd). Peter Engelhardt, der Leadgitarrist, wird als bester deutscher Gitarrist angesehen. Sascha “Sosho” Kühn, Keybord, eigentlich mehr Hammond-Orgel, erweckte dieses Instrument und dessen klassischen Sound aus den 70ern zu neuem Leben. Hannes Vesper, der Cyborg am Bass…
Text: Ute Zimmermann (TTatWest)